Peru - land of plenty

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Monat: September 2016

Casa Grande – Zuckerrohr-Imperium / Teil 2

Dem Strom der Arbeiter folgend, lande ich in einem kleinen Restaurant, das für 16 peruanische Sol (circa 4 Euro) ein Mittagsmenü anbietet. Knallgrüne Wände, orangene Tischdecken und an den Stühlen baumeln die gelben Helme der Fabrikarbeiter. An der Wand hängt ein riesiger Flachbildschirm und – ich kann es kaum glauben – es läuft Frankfurt Eintracht gegen Schalke. Erst später erfahre ich von einem Taxifahrer mit dem ich ausnahmsweise nicht über die peruanische Küche rede, dass die Peruaner den deutschen Fußball aufmerksam verfolgen, da Claudio Pizarro bei Werder Bremen schließlich Peruaner ist.
Zu meiner großen Freude gibt es zu dem Ceviche und dem Aji de gallina (Hühnerfrikassee auf peruanische Art in milder gelber Chilisoße) einen halben Liter frischen Mango-Maracujasaft.

Da ich immer noch keine richtige Orientierung habe, winke ich nach dem Essen ein Mototaxi herbei und bitte Ihn mit mir eine Rundfahrt zu machen. Der Fahrer, der diese Art von Anfrage nicht gewöhnt ist erklärt mir, dass dies hier nicht so funktioniere. Ich müsse Ihm ein Ziel nennen, sonst könne er mir auch keinen Preis nennen. Es gestaltet sich alles etwas schwierig, aber letztendlich gibt er sich mit dem Ziel – alles, was zur Hazienda gehört –zufrieden und verlangt 6 Sol.

Blick aus meinem Mototaxis in Casa Grande

Blick aus meinem Mototaxis in Casa Grande

Wir fahren hauptsächlich an hohen Mauern lang, die nur selten Durchblicke ermöglichen. Mein Fahrer erklärt mir, dass alles im Inneren zur Firma Casa Grande gehöre, der Zutritt aber nicht möglich sei. Dicht neben dem Fabrikgelände rasen wir knatternd an einer alten verfallen Villa vorbei, die ich von Fotos zu kennen meine. Mein wirklich bemühter Fahrer merkt wohl, dass ich nicht so richtig zufrieden bin und dreht noch ein paar Runden durch den Teil der Stadt vor dem ich gewarnt wurde.

In einem letzten Versuch zeige ich Ihm alle Fotos die ich habe. „Nein, das ist alles hintern den Mauern und der Zutritt ist verboten“, sagt er.
Die Wachen am Tor bestätigen mir, dass es keine Möglichkeit gibt auf das Gelände zu kommen und ihnen ist natürlich völlig egal, das mein Großvater hier einst arbeitete.
Mit der Reprivatisierung der Hazienda in den 90er Jahren ist dann auch der freie Zugang zu dem Sitz der ehemaligen Gutsherren und allen dazugehörigen Gebäuden aufgehoben worden. Mein Foto durch eine Öffnung in der Mauer bewirkt, dass sofort alles verriegelt wird.

Blick auf die Casa Hacienda von Casa Grande durch eine Öffnung in der Fabrikmauer

Blick auf die Casa Hacienda von Casa Grande durch eine Öffnung in der Fabrikmauer

Wieder bei der verfallenen Villa, kann ich diese als sogenanntes Casino identifizieren, in dem damals die Junggesellen wohnten. Gleich angrenzend befinden sich die Häuser der leitenden Angestellten, in denen meine Mutter zu Hause war.

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Casino, Casa Grande

Ein Typisches Wohnhaus der leitenden Angestelten in Casa Grande, Provinz Ascope, Peru

Ein Typisches Wohnhaus der leitenden Angestelten in Casa Grande, Provinz Ascope in Peru

Sie sind verhältnissmäßig gut erhalten und teilweise bewohnt. Ich bilde mir ein das Haus meiner Mutter zu erkennen, oder besser gesagt, ich suche mir eins der passenden Häuser aus, um dort all die Erzählungen vor meinem inneren Auge abspielen zu können. Auch hier hingen also während des 2. Weltkriegs die Wimpel der Nazis. Laut meiner Mutter allerdings nur wenige Tage,  dann landete all das Propagandamaterial unter den Kesseln für die Kochwäsche.

Es gibt keine Fotos von dem Haus. Fotos werden eben meist nur von besonderen Momenten gemacht und nicht von den Sachen und Augenblicken, die zum Alltag gehören. Zwei oder auch schon eine Generation später ist es dann aber gerade der Alltag den man nachvollziehen möchte.

Meine Mutter (damals Meike Kux), mein Opa und mein Onkel vor ihrem Haus in Casa Grande.

Meine Mutter (damals Meike Kux), mein Opa und mein Onkel vor ihrem Haus in Casa Grande.

Dicht neben den Häusern liegt ein verrottetes Schwimmbecken. Gut möglich, dass sich meine Mutter in dieses Becken gerettet hat nachdem sie mit einer Zwille in ein Hornissennest statt in die Aasgeier getroffen hat.

Der Nachmittag neigt sich gen Ende und ich mache mich auf zum Busbahnhof. Wartend auf die Abfahrt esse ich nun auch einen Wackelpudding in pink. Geschmacksrichtung soll wohl Himbeere sein.
Zurück geht es wieder durch die Zuckerrohrfelder. Auch in 40 km Entfernung sehe ich noch Schilder, die die Zugehörigkeit zu Casa Grande klar machen. Dann folgt Wüstensand, danach Autowaschanlagen und darauf folgend Autohäuser. Durch meine halb geöffneten müden Augen sehe ich plötzlich: „Automotores Gildemeister“. Die einstigen Zuckerrohr-Barone sind also nun Autohausbesitzer. Hätte wohl schlimmer kommen können. Laut einem Artikel im Spiegel von 1972  stotterte Casa Grande nach der Enteignung auch noch  jährlich rund 6,35 Millionen Mark als Entschädigung bei den Ex- Zuckerbaronen ab.

Ende / Teil 2 von 3

Casa Grande – Zuckerrohr-Imperium / Teil1

Nun endlich bin ich Casa Grande ganz nahe. Kindheitsort meiner Mutter, der mich mein Leben lang mit vielen Geschichten begleitet hat und ehemals ein riesiges Zuckerrohr-Imperium war. Ausgangspunkt für meine Erkundigungen ist Huanchaco. Ein Strandort, der angeblich das beste Ceviche in Peru zu bieten hat, bei Surfern beliebt ist und der Peruanern aus Trujillo als Wochends-Ausflugziel dient.

Huanchaco bei Sonnenuntergang mit den traditionellen Einmannbooten der Fischer (Caballitos) im Gegenlicht.

Huanchaco bei Sonnenuntergang mit den traditionellen Einmannbooten der Fischer (Caballitos) im Gegenlicht.

Es sind nur 50 km Luftlinie, doch brauche ich mit dem Bus fast 3 Stunden. Der Bus klappert mit Umwegen jede Ecke ab und an jeder Ecke springen Leute in den Bus, die Nüsse, Ananas, Eis und Wackelpudding anbieten. Wackelpudding in rosa, gelb, grün, zweifarbig oder auch in Regenbogenfarben, dargereicht im Plastikbecher mit Löffel.
Wackelpudding scheint das Geschäft schlechthin in dieser Gegend zu sein, aber ich verzichte.
Aus Trujillo raus fahrend sieht man Autohäuser, dann folgen Anbieter die Autos waschen und dann folgt Wüste. Sand, einfach nur Sand und Sandhügel. Ganz plötzlich ändert sich das Bild und Zuckerrohr-Felder säumen die Straße . Alles ist grün und üppig wuchernd. Erstaunlich, denn der Chicama-Fluss, der das Tal nährt ist völlig ausgetrocknet. Es ist Trockenzeit und bis zum nächsten Regen speisen die Brunnen die Felder.

In Casa Grande angekommen, weiß ich so gar nicht wohin. Meine Karte bietet zu wenig Informationen. Ich laufe einfach mal los in die gleiche Richtung in die sich auch die zahlreichen Mototaxis und bewegen und werde gleich von einem laut schreienden Polizisten aufgehalten. Da ich in Südamerika bin, befürchte ich viel Geld für irgendein erfundenes Vergehen zahlen zu müssen. Der Polizist will mich aber nur warnen, was er sehr deutlich macht indem er seinen Daumen an seiner Kehle längs führt.
Das folgende Gespräch macht zum Glück klar, dass ich mich im Zentrum und in dem ehemaligen Gebiet der Hazienda aufhalten kann, alle anderen Teile der Kleinstadt solle ich auf jeden Fall meiden.
Plaza de Armas, das Kino in dem meine Mutter Cowboy-Filme geschaut hat, die Zuckerrohr-Fabrik… alles liegt dicht beieinander und vor meinen Augen. Zum ersten Mal in Farbe und dreidimensional.

Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Plaza de Armas - Casa Grande, Peru

Skulptur zu Ehren der Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Plaza de Armas – Casa Grande, Peru

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Kino in Casa Grande mit vorbei fahrenden Mototaxis.

Casa Grande war einst die größte Zuckerrohr-Hazienda in Südamerika. Die Felder haben sich in der besten Zeit über ein Gebiet so groß wie Belgien, oder doppelt so groß wie Luxemburg erstreckt, liest man. 1888 erwirbt der deutsche Juan Gildemeister die Hazienda zu einem günstigen Preis von seinem auch schon deutschen Vorgänger Luis Albrecht, der durch den Pazifikkrieg extreme finanzielle Verluste erlitten hat. Die Geschäfte laufen gut und Juan Gildemeister kauft anliegende Ländereien und Zuckerrohrbetriebe auf. Mein Großvater ist Leitender Angestellter in diesem Zucker-Imperium und zuständig für die Züchtung neuer, ertragreicherer Sorten. Nebenbei kümmert er sich um die Erhaltung vorinkaischer Ruinen, auf die bei der Erschließung neuer Ländereien immer wieder gestoßen wird, und betreut die Wetterstation vor Ort.

1969 werden die sogenannten Zuckerrohr-Barone von der Militärregierung des Peruanischen Präsidenten, General Juan Velasco Alvarado, enteignet. Im darauf folgenden Jahr wird die Hazienda umformiert zur „Landwirtschaftlichen Produktionskooperative Casa Grande Ltda. No. 32″, deren 4500 Arbeiter somit zu Teilhabern werden. Der von Luis Albrecht am Fabrikturm angebrachte ermahnende Spruch, „Tace, ora et labora“ -„schweig, bete und arbeite“ wird durch einen Spruch in Quechua, der Sprache der meisten Arbeiter, ersetzt. „Ama sua, ama llulla, ama kella“ – „du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht faulenzen.“ Der Spruch lässt durchblicken, wie gut es um das Mitspracherecht der neuen Herren im „großen Haus“ stand. Tatsächlichen wurden 80% der Delegierten in der Vollversammlung Casa Grandes von der Regierung gestellt.

Alter Fabrikturm, Casa Grande

Alter Fabrikturm, Casa Grande.

Heute prankt am alten Fabrikturm der Name der heutigen Besitzer, eine Firma mit dem Namen Casa Grande s.a.a.. Der kuriose Quechua-Spruch scheint in Peru verbreitet zu sein. Ich habe Ihn z.B. in großen Lettern am Eingang zum Textil- und Kunstmarkt in Cusco gesehen.

Meine Großeltern, mein Onkel und meine Mutter erleben die Enteignung nicht mit. Sie sind wegen gesundheitlicher Probleme meines Großvaters schon Mitte der 50er wieder nach Deutschland gezogen.
Auch der zweite längere Aufenthalt meiner Mutter in Peru endet kurz vor dieser Periode.
Nach Ihrem Studium als Dolmetscherin in Heidelberg arbeitete meine Mutter in Lima für die Verwaltung der Hazienda in Lima. Die mit der Revolution einhergehende Inflation und ein Gehalt in peruanischen Sol veranlasste meine Eltern das Land Ende der 60er zu verlassen.

Es ist 13:00 Uhr als ich vor den Mauern des Fabrikgeländes stehe. Männer mit gelben Helmen strömen aus dem Tor zu Ihren Frauen die davor warten oder gehen in eines der umliegenden Restaurants. Ich beschließe mich dem Rhythmus anzupassen und mache auch erstmal Pause.

 

Zuckerrohrbetriebe auf dem Weg in die Mittagspause

Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Weg in die Mittagspause

Zockerrohrarbeiter vor der Fabrikmauer, die mit Motiven aus der Blütezeit dekoriert ist.

Zockerrohrarbeiter vor der Fabrikmauer, die mit Motiven aus der Blütezeit dekoriert ist.

Ende / Teil 1 von 3