Als letzten Ausflug zur Vergangenheit meiner Mutter bleibt mir noch ein weiterer Ort zu besuchen. Puerto Malabrigo oder später dann Puerto Chicama wurde im Jahre 1915 von den Gildemeisters zum Hafen ausgebaut, um von hier aus den Zucker zu verschiffen. Die Hazienda besaß zahlreiche Lokomotiven, um die Zuckersäcke zu transportieren. Auch in den weit reichenden Länderreien fand der Transport auf der Schienen statt. Zur Ernte wurden mobile Gleise verlegt und nach der Ernte wieder abgebaut.

Für die Gutsherren und die leitenden Angestellten gab es in Puerto Chicama außerdem Ferienhäuser in denen man den Sommer verbrachte. Die Kinder der Angestellten konnten es sich hier ganze 3 Monate amüsieren. Sie wurden im Pulk von Familie zu Familie gereicht, die sich in den Häusern für die Sommerfrische abwechselten. Meine Mutter schwärmt immer noch noch von diesen Sommern. Heutzutage ist der Ort hauptsächlich bei Surfern bekannt. Er wirbt damit die längste links brechende Welle der Welt zu haben.

Meine Mutter in Puerto Chicama, Peru 50er Jahre

Meine Mutter in Puerto Chicama, Peru 50er Jahre

Gleiches Gebäude 2016

Gleiches Gebäude 2016

Die Kinder der leitenden Angestellten beim Baden in Puerto Chicama, Peru 50er Jahre

Die Kinder der leitenden Angestellten beim Baden in Puerto Chicama, Peru 50er Jahre

Es ist Nebensaison. Im Wasser zwei Surfer, am weiten Strand drei vermutlich peruanische Touristen und in den Straßen des kleinen Zentrums mehr Hunde als Menschen. Ein lautes Radio weist mir den Weg zu meinem Mittagessen in diesem verschlafenen Nest.  Sudado de pesce. Ein Fischeintopf, dessen Ingwerschärfe auf einen asiatischen Einfluß schließen lässt.
Am breiten Sandstrand schlendere ich zu der ziemlich kaputten langen Mole, auf der damals mit Zuckerrohr beladene Züge bis weit hinein ins Meer zu den Schiffen gefahren sind. Inzwischen fehlt der Mole in der Mitte ein Stück vom Unterbau und Seevögel belagern die dort durchhängenden Schienen.
Jetzt im Winter ist dieser Ort trostlos. Männer sitzen gelangweilt um die Mole herum und überall zeigt sich die einst prosperierende Vergangenheit.  Rostende Lokomotiven, leere Hallen für die Zuckerohrsäcke und verfallene Gebäude.
Zurück wandere ich an der Promenade entlang. Hier stehen die Ferienhäuser in denen meine Mutter den Sommer verbracht hat. Hübsch und mit großen Holzveraden ausgestattet. Die meisten stehen leer und werden zur Vermietung oder zum Verkauf angeboten.  Der ehemalige Garten davor ist inzwischen eine leicht vermüllte Wiese, die als Privateigentum ausgwiesen ist.
Ich winke eines der zahlreichen Mototaxis heran, die hier auf – ich weiß nicht welche – Kunden warten.  Auf meinem Hinweg habe ich Männer bei der Zuckerrohrernte gesehen, zu denen ich nun fahren möchte.

 

Vor Ort wird gleich sichtbar, dass sich die Art und Weise der Zuckerrohrernte seit damals kaum verändert hat. Noch immer wird das Blattwerk des Zuckerrohrs erst abgebrannt, bevor die Arbeiter beginnen mit großen Mancheten das Rohr zu schlagen.  Das Gesicht und die Kleidung der Arbeiter sind schwarz vom Ruß.  Statt der einfachen Baumwollkleidung, tragen die Mancheten-Männer nun bunte Sportbekleidung und der Transport des Zuckerrohrs erfolgt nicht über Schienen, sondern über die Straße. BeiBetrachtung des kleinen Vehikels erscheint mir das ziemlich uneffizient.  Während ich mich dem Feld annähre, werde ich mißtrauisch von den Aufsehern beäugt. Nun hilft es mir doch, dass mein Großvater einst in Casa Grande gerabeitet hat und ich darf nach anfänglichem Zögern und ein paar Erklärungen ein paar Fotos.

 

 

Irgendwie scheinen sich die beiden Jungs dann auch über mein Interesse zu freuen und ich bekomme zum Abschied ein großes Bündel grünen Spargel geschenkt, welcher gleich auf dem Nebenfeld gerade geerntet wurde. Das Feld gehört auch tatsächlich zu Casa Grande und wird dort in die Fabrik, deren Zutritt mir nicht gestattet ist, zur Weiterverarbeitung gebracht.
Zurück an der Strasse halte ich den nächsten Bus an und fahre zurück nach Trujillo. Den grünen Spargel musste ich dann leider verschenken, da ich in meiner Unterkunft keine Kochmöglichkeit habe.