Dem Strom der Arbeiter folgend, lande ich in einem kleinen Restaurant, das für 16 peruanische Sol (circa 4 Euro) ein Mittagsmenü anbietet. Knallgrüne Wände, orangene Tischdecken und an den Stühlen baumeln die gelben Helme der Fabrikarbeiter. An der Wand hängt ein riesiger Flachbildschirm und – ich kann es kaum glauben – es läuft Frankfurt Eintracht gegen Schalke. Erst später erfahre ich von einem Taxifahrer mit dem ich ausnahmsweise nicht über die peruanische Küche rede, dass die Peruaner den deutschen Fußball aufmerksam verfolgen, da Claudio Pizarro bei Werder Bremen schließlich Peruaner ist.
Zu meiner großen Freude gibt es zu dem Ceviche und dem Aji de gallina (Hühnerfrikassee auf peruanische Art in milder gelber Chilisoße) einen halben Liter frischen Mango-Maracujasaft.

Da ich immer noch keine richtige Orientierung habe, winke ich nach dem Essen ein Mototaxi herbei und bitte Ihn mit mir eine Rundfahrt zu machen. Der Fahrer, der diese Art von Anfrage nicht gewöhnt ist erklärt mir, dass dies hier nicht so funktioniere. Ich müsse Ihm ein Ziel nennen, sonst könne er mir auch keinen Preis nennen. Es gestaltet sich alles etwas schwierig, aber letztendlich gibt er sich mit dem Ziel – alles, was zur Hazienda gehört –zufrieden und verlangt 6 Sol.

Blick aus meinem Mototaxis in Casa Grande

Blick aus meinem Mototaxis in Casa Grande

Wir fahren hauptsächlich an hohen Mauern lang, die nur selten Durchblicke ermöglichen. Mein Fahrer erklärt mir, dass alles im Inneren zur Firma Casa Grande gehöre, der Zutritt aber nicht möglich sei. Dicht neben dem Fabrikgelände rasen wir knatternd an einer alten verfallen Villa vorbei, die ich von Fotos zu kennen meine. Mein wirklich bemühter Fahrer merkt wohl, dass ich nicht so richtig zufrieden bin und dreht noch ein paar Runden durch den Teil der Stadt vor dem ich gewarnt wurde.

In einem letzten Versuch zeige ich Ihm alle Fotos die ich habe. „Nein, das ist alles hintern den Mauern und der Zutritt ist verboten“, sagt er.
Die Wachen am Tor bestätigen mir, dass es keine Möglichkeit gibt auf das Gelände zu kommen und ihnen ist natürlich völlig egal, das mein Großvater hier einst arbeitete.
Mit der Reprivatisierung der Hazienda in den 90er Jahren ist dann auch der freie Zugang zu dem Sitz der ehemaligen Gutsherren und allen dazugehörigen Gebäuden aufgehoben worden. Mein Foto durch eine Öffnung in der Mauer bewirkt, dass sofort alles verriegelt wird.

Blick auf die Casa Hacienda von Casa Grande durch eine Öffnung in der Fabrikmauer

Blick auf die Casa Hacienda von Casa Grande durch eine Öffnung in der Fabrikmauer

Wieder bei der verfallenen Villa, kann ich diese als sogenanntes Casino identifizieren, in dem damals die Junggesellen wohnten. Gleich angrenzend befinden sich die Häuser der leitenden Angestellten, in denen meine Mutter zu Hause war.

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Casino, Casa Grande

Ein Typisches Wohnhaus der leitenden Angestelten in Casa Grande, Provinz Ascope, Peru

Ein Typisches Wohnhaus der leitenden Angestelten in Casa Grande, Provinz Ascope in Peru

Sie sind verhältnissmäßig gut erhalten und teilweise bewohnt. Ich bilde mir ein das Haus meiner Mutter zu erkennen, oder besser gesagt, ich suche mir eins der passenden Häuser aus, um dort all die Erzählungen vor meinem inneren Auge abspielen zu können. Auch hier hingen also während des 2. Weltkriegs die Wimpel der Nazis. Laut meiner Mutter allerdings nur wenige Tage,  dann landete all das Propagandamaterial unter den Kesseln für die Kochwäsche.

Es gibt keine Fotos von dem Haus. Fotos werden eben meist nur von besonderen Momenten gemacht und nicht von den Sachen und Augenblicken, die zum Alltag gehören. Zwei oder auch schon eine Generation später ist es dann aber gerade der Alltag den man nachvollziehen möchte.

Meine Mutter (damals Meike Kux), mein Opa und mein Onkel vor ihrem Haus in Casa Grande.

Meine Mutter (damals Meike Kux), mein Opa und mein Onkel vor ihrem Haus in Casa Grande.

Dicht neben den Häusern liegt ein verrottetes Schwimmbecken. Gut möglich, dass sich meine Mutter in dieses Becken gerettet hat nachdem sie mit einer Zwille in ein Hornissennest statt in die Aasgeier getroffen hat.

Der Nachmittag neigt sich gen Ende und ich mache mich auf zum Busbahnhof. Wartend auf die Abfahrt esse ich nun auch einen Wackelpudding in pink. Geschmacksrichtung soll wohl Himbeere sein.
Zurück geht es wieder durch die Zuckerrohrfelder. Auch in 40 km Entfernung sehe ich noch Schilder, die die Zugehörigkeit zu Casa Grande klar machen. Dann folgt Wüstensand, danach Autowaschanlagen und darauf folgend Autohäuser. Durch meine halb geöffneten müden Augen sehe ich plötzlich: „Automotores Gildemeister“. Die einstigen Zuckerrohr-Barone sind also nun Autohausbesitzer. Hätte wohl schlimmer kommen können. Laut einem Artikel im Spiegel von 1972  stotterte Casa Grande nach der Enteignung auch noch  jährlich rund 6,35 Millionen Mark als Entschädigung bei den Ex- Zuckerbaronen ab.

Ende / Teil 2 von 3