Nun endlich bin ich Casa Grande ganz nahe. Kindheitsort meiner Mutter, der mich mein Leben lang mit vielen Geschichten begleitet hat und ehemals ein riesiges Zuckerrohr-Imperium war. Ausgangspunkt für meine Erkundigungen ist Huanchaco. Ein Strandort, der angeblich das beste Ceviche in Peru zu bieten hat, bei Surfern beliebt ist und der Peruanern aus Trujillo als Wochends-Ausflugziel dient.

Huanchaco bei Sonnenuntergang mit den traditionellen Einmannbooten der Fischer (Caballitos) im Gegenlicht.

Huanchaco bei Sonnenuntergang mit den traditionellen Einmannbooten der Fischer (Caballitos) im Gegenlicht.

Es sind nur 50 km Luftlinie, doch brauche ich mit dem Bus fast 3 Stunden. Der Bus klappert mit Umwegen jede Ecke ab und an jeder Ecke springen Leute in den Bus, die Nüsse, Ananas, Eis und Wackelpudding anbieten. Wackelpudding in rosa, gelb, grün, zweifarbig oder auch in Regenbogenfarben, dargereicht im Plastikbecher mit Löffel.
Wackelpudding scheint das Geschäft schlechthin in dieser Gegend zu sein, aber ich verzichte.
Aus Trujillo raus fahrend sieht man Autohäuser, dann folgen Anbieter die Autos waschen und dann folgt Wüste. Sand, einfach nur Sand und Sandhügel. Ganz plötzlich ändert sich das Bild und Zuckerrohr-Felder säumen die Straße . Alles ist grün und üppig wuchernd. Erstaunlich, denn der Chicama-Fluss, der das Tal nährt ist völlig ausgetrocknet. Es ist Trockenzeit und bis zum nächsten Regen speisen die Brunnen die Felder.

In Casa Grande angekommen, weiß ich so gar nicht wohin. Meine Karte bietet zu wenig Informationen. Ich laufe einfach mal los in die gleiche Richtung in die sich auch die zahlreichen Mototaxis und bewegen und werde gleich von einem laut schreienden Polizisten aufgehalten. Da ich in Südamerika bin, befürchte ich viel Geld für irgendein erfundenes Vergehen zahlen zu müssen. Der Polizist will mich aber nur warnen, was er sehr deutlich macht indem er seinen Daumen an seiner Kehle längs führt.
Das folgende Gespräch macht zum Glück klar, dass ich mich im Zentrum und in dem ehemaligen Gebiet der Hazienda aufhalten kann, alle anderen Teile der Kleinstadt solle ich auf jeden Fall meiden.
Plaza de Armas, das Kino in dem meine Mutter Cowboy-Filme geschaut hat, die Zuckerrohr-Fabrik… alles liegt dicht beieinander und vor meinen Augen. Zum ersten Mal in Farbe und dreidimensional.

Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Plaza de Armas - Casa Grande, Peru

Skulptur zu Ehren der Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Plaza de Armas – Casa Grande, Peru

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Kino in Casa Grande mit vorbei fahrenden Mototaxis.

Casa Grande war einst die größte Zuckerrohr-Hazienda in Südamerika. Die Felder haben sich in der besten Zeit über ein Gebiet so groß wie Belgien, oder doppelt so groß wie Luxemburg erstreckt, liest man. 1888 erwirbt der deutsche Juan Gildemeister die Hazienda zu einem günstigen Preis von seinem auch schon deutschen Vorgänger Luis Albrecht, der durch den Pazifikkrieg extreme finanzielle Verluste erlitten hat. Die Geschäfte laufen gut und Juan Gildemeister kauft anliegende Ländereien und Zuckerrohrbetriebe auf. Mein Großvater ist Leitender Angestellter in diesem Zucker-Imperium und zuständig für die Züchtung neuer, ertragreicherer Sorten. Nebenbei kümmert er sich um die Erhaltung vorinkaischer Ruinen, auf die bei der Erschließung neuer Ländereien immer wieder gestoßen wird, und betreut die Wetterstation vor Ort.

1969 werden die sogenannten Zuckerrohr-Barone von der Militärregierung des Peruanischen Präsidenten, General Juan Velasco Alvarado, enteignet. Im darauf folgenden Jahr wird die Hazienda umformiert zur „Landwirtschaftlichen Produktionskooperative Casa Grande Ltda. No. 32″, deren 4500 Arbeiter somit zu Teilhabern werden. Der von Luis Albrecht am Fabrikturm angebrachte ermahnende Spruch, „Tace, ora et labora“ -„schweig, bete und arbeite“ wird durch einen Spruch in Quechua, der Sprache der meisten Arbeiter, ersetzt. „Ama sua, ama llulla, ama kella“ – „du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht faulenzen.“ Der Spruch lässt durchblicken, wie gut es um das Mitspracherecht der neuen Herren im „großen Haus“ stand. Tatsächlichen wurden 80% der Delegierten in der Vollversammlung Casa Grandes von der Regierung gestellt.

Alter Fabrikturm, Casa Grande

Alter Fabrikturm, Casa Grande.

Heute prankt am alten Fabrikturm der Name der heutigen Besitzer, eine Firma mit dem Namen Casa Grande s.a.a.. Der kuriose Quechua-Spruch scheint in Peru verbreitet zu sein. Ich habe Ihn z.B. in großen Lettern am Eingang zum Textil- und Kunstmarkt in Cusco gesehen.

Meine Großeltern, mein Onkel und meine Mutter erleben die Enteignung nicht mit. Sie sind wegen gesundheitlicher Probleme meines Großvaters schon Mitte der 50er wieder nach Deutschland gezogen.
Auch der zweite längere Aufenthalt meiner Mutter in Peru endet kurz vor dieser Periode.
Nach Ihrem Studium als Dolmetscherin in Heidelberg arbeitete meine Mutter in Lima für die Verwaltung der Hazienda in Lima. Die mit der Revolution einhergehende Inflation und ein Gehalt in peruanischen Sol veranlasste meine Eltern das Land Ende der 60er zu verlassen.

Es ist 13:00 Uhr als ich vor den Mauern des Fabrikgeländes stehe. Männer mit gelben Helmen strömen aus dem Tor zu Ihren Frauen die davor warten oder gehen in eines der umliegenden Restaurants. Ich beschließe mich dem Rhythmus anzupassen und mache auch erstmal Pause.

 

Zuckerrohrbetriebe auf dem Weg in die Mittagspause

Zuckerrohr-Arbeiter auf dem Weg in die Mittagspause

Zockerrohrarbeiter vor der Fabrikmauer, die mit Motiven aus der Blütezeit dekoriert ist.

Zockerrohrarbeiter vor der Fabrikmauer, die mit Motiven aus der Blütezeit dekoriert ist.

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